„Behandlung & Verwandlung“



Kaum ein Licht ringsum, lediglich ein gestochen scharfer Sichelmond, eine Lichtinstallation umrahmt von der schlichten Ornamentalik des gußeisernen Einbruchschutzes eines weit in den westafrikanischen Morgen geöffneten Fensters. Gerade wird der erste Nescafe in das geliebte und weitgereiste Emailbehältnis eingerührt, als sich die Stimme des Muezzins unweit von hier wie das „Einsingen des Tages“ und ein „Abschied der Nacht“ in die westafrikanische Morgenstille einflechtet. Eine Morgengabe, so ein kurzer Gedanke, während dann noch ein zweites Teelicht entzündet und einmal so richtig ausgeatmet wird...

Diesen Gedanken teilen sich im selben Moment offenbar auch die 3765 Hundetiere Bissau´s und stimmen dem morgendlichen Vorbeter mit einem weniger sanft eirklingenden Heulen, Schluchzen und gekünsteltem Kläffen zu.

Es ist 6:45 Uhr hier in der NomaClinic Bissau

Der Gesang des Muezzin ist verstummt.




* * *


Wiedereinmal sind alle zusammengekommen:

Hier in der NomaClinic Bissau haben sich in den letzten Wochen alle herausgeputzt, alle „Requisiten“ in Position gebracht, geordnet, sortiert, vorbereitet.
Im Nationalkrankenhaus warten knapp zwanzig Kinder und Jugendliche sowie zahlreiche Krankenschwestern und –Pfleger, Hilfskräfte und Mitarbeiter der NomaClinic auf das Eintreffen des Teams der österreichischen Nomahilfe. Direkt vom Airport wird das vierköpfige Team hierher gebracht, um gemeinsam mit Dr.Lassan, dem ärztlichen Leiter der Nomaclinic und Dr.Issa, dem ärztlichen Leiter der NomaClinic in Niamey/Niger die kleinen Patienten zu begrüßen, zu untersuchen und jeweils ein Operationskonzept für jede und jeden einzelnen zu erstellen.

Wiedereinmal wird dem österreichischen Team bereits in der ersten Begegnung, im ersten Gegenübertreten bewußt, welche verheerenden Spuren NOMA an denen, die diese Krankheit überhaupt überlebt haben, hinterlassen hat. Auch mehrere aufeinander abgestimmte Eingriffe am Gesicht einunddesselben Kindes bedeuten mitunter lediglich den „Versuch“ einer Wiederherstellung eines „Gesichtes“ – dennoch wird bereits bei diesem ersten Kontakt nur allzu deutlich, wie wichtig diese Eingriffe für die Verbesserung der Situation der Kinder sind. Nicht nur die großen Defekte im Mund- und Nasenbereich in all ihrer Verstümmelung, sondern auch die erheblichen Funktionseinschränkungen beim Essen, Kauen, Trinken,... ja, und natürlich bei Lächeln, Sprechen, dem Öffnen und Schließen der Augen.

nomahilfe.at nomahilfe.at




STOP, LOOK, GO...

Das „Anpacken“ ist wohl einer der wichtigsten Momente in den mittlerweile vier Jahren seit der Inbetriebnahme der NomaClinic Bissau durchgeführten Einsätzen des österreichischen NomaTeams. Vierzehn zum Teil komplexe Eingriffe in Vollnarkose in nur fünf Operationstagen, bei zum Teil anspruchsvoller anästhesiologischer Führung fordern alle, die hier in der Clinic arbeiten. Auch nachts.
Die Überstellung der Kinder aus dem Nationalkrankenhaus am Vorabend des Operationstages, die Nachbetreuung nach dem Eingriff selbst und während der ersten Tage danach, die Aufbereitung der OP-Instrumente zwischen den Operationen, Wartung hier, Wartung da –
Hier einen Absaugschlauch austauschen, dort ein Manometer einbauen, Verbrauchsmaterial suchen, (nicht)finden, überprüfen, nachzählen, erneuern, auf Listen schreiben.
Das Herz- und Kernstück, das „Betriebssystem“ dieser Einsätze bedeutet:
„SUPPORT“ (dt.“Unterstützung“): zum selbständigen Durchführen der Abläufe in den und rund um die Operationen seitens der hiesigen OP-Schwestern, seitens der Krankenpflegekräfte, des Reinigungs- und Wartungspersonals und nicht zuletzt des ärztlichen, chirurgischen und anästhesiologischen Fachpersonals.

Dieses Anpacken, dort wo es im wahrsten Sinne des Wortes not-wendig ist, setzt zunächst etwas Unübliches, zumindest wenn es um unmittelbares Helfenwollen geht, voraus: Nichts Tun.

Innehalten, zumindest einen kurzen Augenblick lang. Denn bei all den guten Absichten und dem inneren Drang des Zupacken-Wollens eröffnet doch erst jenes stille Zu-Hören den Blick darauf, was tatsächlich in DIESEM Moment, unter DIESEN Umständen, gemeinsam mit DIESEN und vorallem FÜR diese Menschen gebraucht wird.
So jedenfalls die Auffassung des 4köpfigen Österreichischen NomaTeams, das hier wiedereinmal seine Freizeit in jenen MehrWert umwandelt, den man wahrscheinlich nur von Innen wahrnehmen, fühlen und letztlich nicht beschreiben kann.

Das gemeinsame Tätigsein zur operativen Wiederherstellung jener auf so entstellende Weise von NOMA gezeichneten Kindergesichter, das Ausbilden, Aufrechterhalten und Weiterentwickeln aller menschlicher Ressourcen beinhaltet jedoch in einem wesentlichen Punkt noch eine zusätzliche, vielleicht paradoxe, Aufgabe:
Sich selbst im Dienste der Auslöschung der Krankheit NOMA (an den Wurzeln) zunächst (vorort) entbehrlich und letztlich in seiener ursprünglichen Aufgabe „überflüssig“ zu machen.

Gerade von der Schattenseite der Erkrankung, von dort, wo den NOMA-Kindern komplizierte Operationen und langwierige Nachbehandlungen zugemutet werden müssen, um „das Beste“ aus den verheerenden Folgen von NOMA zu machen, aus jenem Eskalations-Szenario läßt sich eine wesentliche Botschaft formulieren:

All diese Strapazen der Behandlung, und überhaupt das ganze „Disaster“ der akuten Erkrankung (der Kampf mit dem Überleben dieser so ernsten und kritischen Infektion für die Kleinsten der Kleinen, jener oftmals unterernährten und so vielfach „exponierten“ Kinder) wäre vermeidbar gewesen, wenn doch nur...
[ AUFKLÄRUNG ] – TO GO...

Palais des Congres, Niamey, 5.Mai 2016.
Soeben ist die WHO-Konferenz rund um die Präsentation des Lehrbuches zur Prävention, Erkennung und Behandlung von NOMA (und anderen nicht-übertragbaren Gesichtserkrankungen) zu Ende gegangen. Eine über fünf Jahre dauernde umfassende Aufarbeitung wesentlicher Wissensinhalte in Buchform hat nun den Grundstein für eine weitreichende Verbreitung des Wissens über ganz Afrika, und insbesondere in jenen neun Ländern, in denen NOMA eine ernsthafte Bedrohung für die erkrankten Kinder darstellt, gelegt.
In enger Kooperation und mit Unterstützung der Weltgesundheitsorgansiation wird ab nun auf diese Weise an einer Weitergabe des Wissens an die jeweiligen „Multiplikatoren“ in den nationalen Gesundheitsbereichen Westafrikas gearbeitet. NOMA soll früher erkannt, rascher behandelt und an den Wurzeln seiner Entstehung bekämpft werden.

Mit dabei an diesem fast historischen Meilenstein hier in Niamey die Vertreter des Noma-Teams Austria, Ulli Nothegger und der neue Präsident des NomaTeams Austria, Dr. Harald Kubiena. Beide an der Seite der großen Mutter- und Partnerorganisation „Hilfsaktion Noma e.V.“ und in enger persönlicher Verbundenheit mit Ute Winkler-Stumpf der Gründerin, dem kraftvollen Herz und wachem Verstand der Organisation, sowie Mathis Winkler deren Sohn und Nachfolger in der Leitung der Hilfsaktion.






Ein Miteinander von „Gründer-Generation“ und „next generation 1.0“ – mit dabei natürlich, nicht persönlich, doch sowohl in Gedanken wie auch in mancher Sequenz des vorgestellten nigrischen NOMA-Info-Filmes, Prof. Jürgen Holle, dessen langjähriges Engangement gerade in diesem Anlaß eindrucksvoll erkennbar wird.


***

Zainabou (Name geändert) ist mittlerweile 16 Jahre alt. NOMA hat sie überlebt. Große Teile ihres Gesichts sind der Erkrankung, die sie nur mit Glück und dank rechtzeitiger Behandlung überstanden hat, zum Opfer gefallen. Mehrere Eingriffe seitens des NomaTeamsAustria haben ihr zu einem neuen, einem „bestmöglichen“ Gesicht verholfen. Ihr „neues“ Gesicht und die unterstützende Begleitung der Hilfsaktion e.V. haben ihr den Weg in ein neues Leben möglich gemacht:
Sie betreibt eine öffentliche Stromladestation für elektronische Geräte. Sonnenlicht wird hier in elektrischen Strom umgewandelt: für Handys, Akkus, Haushaltsgeräte, Kühlgeräte und ähnliches. Zainabou betreibt, verwaltet und wartet diese „Energie-Umwandlungs-Station“ für das ganze Dorf -

Lächelnd.
Behandelt.
Verwandelt...




Team Bissau Februar 2016
Dr. Harald Kubiena Chirurg
Dr. Ales Stanek Anästhesist


Kurt Voigt Anästhesie Pleger
Ulli Nothegger Operationsschwester


Nachwort
Unser Team ist voll Energie und Tatendrang! Aus einer Mission pro Jahr sind in der Zwischenzeit drei geworden. Um so mehr sind wir auf Ihre finanzielle Zuwendung angewiesen, um weiterhin den Nomakindern vom Niger und Guinea Bissau helfen zu können. Gemeinsam können wir es schaffen,
Helfen Sie uns bitte von zu Hause – wir helfen vor Ort.
Herzlichen Dank

Spendenkonto
Nomahilfe Dr. Jürgen Holle
IBAN: AT 586000000092079946

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