Ich will leben!


Hallo!

Mein Name ist Zaleha Victoria, und ich lebe heute in Niederösterreich.

Geboren wurde ich 1994 in der Nähe einer Wüstenstadt namens Tahoua im Niger.

Der Staat Niger liegt im Herzen Afrikas, und zählt zu den heißesten und ärmsten Ländern der Welt. Niger ist etwa 12-mal so groß wie Österreich, bei halber Einwohnerzahl.

2/3 des Landes bestehen aus Wüste, 90% der Bevölkerung leben von der Landwirtschaft und sind Selbstversorger. Der Hauptfluss des Landes "der Niger" führt nur zu ca. 6 Monaten des Jahres so viel Wasser, dass er mit kleineren Motorbooten befahren werden kann. Das Land ist verkehrsmäßig unerschlossen.

Nach einer enormen Dürreperiode im Jahre 1971 hat sich das Land bis heute nicht erholt. Frisches Wasser und vitaminreiche Nahrung sind rar.

Das ist auch der Grund dafür, dass ich im Jahr 2000 in einem Krankenhaus in der Hauptstadt Niamey aufgenommen wurde, und mit Antibiotika das Fortschreiten meiner Krankheit gestoppt werden konnte.

In der Nähe dieses Krankenhauses wurde Prof. Holle, damals Vorstand der Plastischen Chirurgie im Wiener Wilhelminenspital auf mich aufmerksam, als er wieder einmal im Niger unterwegs war, um mit seinem kleinen Spezialisten-Team Kindern wie mir nicht nur wieder zu einem Gesicht, sondern auch zu einem neuen Leben zu verhelfen.

Da ich zum Zeitpunkt unseres Kennenlernens weder Nase noch Gaumen oder Oberlippe mehr besaß und mein linkes Jochbein fast fehlte war bald klar, dass derartig große Operationen eine medizinische Infrastruktur und auch Möglichkeit zur Nachsorge erfordern, die man im Niger nicht sicherstellen konnte.

Prof. Holle hat sich somit 2002 entschieden, mich nach Österreich zu holen und mich hier zu operieren.

In einer Fernsehsendung stellte er etwa zeitgleich sein NOMA-Hilfsprojekt in Österreich vor und startete einen Aufruf, um eine Gastfamilie zu suchen, die sich in den Phasen zwischen meinen bevorstehenden Operationen um mich kümmert.

Die Wahl fiel sodann auf ein junges Ehepaar aus Niederösterreich, das damals in Wien arbeitete, und sich damit sowohl ihre Besuche bei mir im Krankenhaus als auch die ständigen Kontrollen in der Ordination von Prof.Holle gut einteilen konnte.

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, als mich die beiden – nach einer Reihe von Erstuntersuchungen im Wiener Wilhelminenspital abholten, und zu sich nachhause brachten.

Es war dunkel und es regnete als wir „zuhause“ ankamen. Für mich war es damals ein unvorstellbar großes Haus mit vielen Zimmern, und eines davon war nur für mich. Ich konnte mich mit Tanja und Mario, so nannte ich die beiden, nicht unterhalten und dachte nur: „Ich bin gespannt, wann all die anderen kommen, die hier bestimmt wohnen – Kinder, Großeltern, und so weiter“. Doch es kam niemand. Ich war das erste Kind des Paares, das erste „Enkelkind“ ihrer Eltern. Somit stand ich auch üüüüüberhaupt nicht im Mittelpunkt.

Doch diese ungetrübte Freude währte nicht lange, denn bald begannen meine zahlreichen Operationen.

Als erstes wurde meine bislang unversehrte Stirn am Haaransatz geöffnet, und mir ein Expander eingesetzt um meine Haut zu dehnen. Zeitgleich wurde mir ein Teil vom Schulterblattknochen abgetrennt und mit Haut vom Oberschenkel „umwickelt“ und wieder am Rücken eingesetzt. Nach mehreren Wochen war diese Haut dann mit dem Knochen verwachsen, und wurde mir als Gaumen eingesetzt. Dieses neue Transplantat musste.

sodann an das alte Gefäßsystem angeschlossen werden, wofür mir eine Vene aus dem Bein entnommen wurde. Schmerzen über Schmerzen und nach jedem Aufwachen nach der nächsten OP war das Ergebnis für mein Dafürhalten noch immer nicht berauschend.

Tanja und Mario versuchten mich soweit es möglich war mir dennoch einen normalen Alltag zu ermöglichen, und im Jahr 2003 bekam ich auch hier in Österreich meine „kleine Schwester“.

Nachdem ich Tanja zu Beginn nur an Ihrer Arbeitsstätte,in einem katholischen Mädchenhort in Wien, besuchen durfte war mir das alsbald zu wenig, und eine sehr engagierte Lehrerin – nebst sehr entgegenkommender Direktorin – erklärten sich bereit mich in der 2.Klasse einer öffentlichen Volksschule als außerordentliche Schülerin zu führen, und schließlich konnte ich nach 3 Jahren die 4.Klasse Volksschule abschließen.

Nachdem mein Deutsch zu diesem Zeitpunkt bereits nahezu perfekt war – zumindest meinem Verständnis nach, besuchte ich 4 Klassen eines Realgymnasiums in Wien.

Unermüdlich waren in all diesen Jahren Prof. Holle und seine Kollegen dabei mein Aussehen immer weiter zu verbessern, bis irgendwann der Zeitpunkt gekommen war, und ich wieder in meine alte Heimat zurückkehren sollte.

Doch eigentlich hatte ich mich schon so sehr an mein neues Leben hier in Österreich gewöhnt, dass ich noch hier, bei meiner zweiten Familie bleiben wollte, um zumindest eine Ausbildung, in welcher Form auch immer, abzuschließen.

Mario, mein Gastvater machte sich sodann auf den Weg in den Niger um meine Eltern zu Treffen. Mit im Gepäck hatte er neben zahlreichen Geschenken auch Verträge, die meine leiblichen Eltern unterzeichneten, um meinen weiteren Aufenthalt hier in Österreich zu ermöglichen.

Zurück in Österreich konnte somit ein Obsorgeübertrag erwirkt werden, und als ich 18 war stimmte ich einer Adoption durch Tanja und Mario bereitwillig zu, nicht nur um auch in Zukunft abgesichert, und meinen mittlerweile beiden österreichischen Geschwistern gleichgestellt zu sein, sondern weil es uns allen eine Herzensangelegenheit war.

Nachdem Buchhaltung und Rechnungswesen sich nach den beiden ersten Klassen einer Höheren Lehranstalt für wirtschaftliche Berufe doch nicht als das Meine herausgestellt haben begann ich meine Ausbildung zur Pflegehelferin.

Ein Beruf, den ich nach nunmehr 6 Jahren nach wie vor mit Leib und Seele in einem Niederösterreichischen Senioren- und Pflegeheim ausübe, und wer wenn nicht ich, sollte sich nach fast 30 eigenen Operationen besser in die Rolle eines Patienten hineinfühlen können als ich!? Ich hoffe durch meine berufliche Tätigkeit einen Teil dessen, was mir die Gesellschaft an Positivem hier in Österreich hat zu Teil werden lassen, auch wieder zurückgeben zu können.

„Ich glaube, dass glückliche Mädchen die schönsten Mädchen sind“ – Audrey Hepburn

Ich möchte diese Gelegenheit nützen, um mich bei Prof. Jürgen Holle und seinem Team dafür zu bedanken, dass mir durch sie nicht nur mein Gesicht wiedergegeben, sondern bestimmt auch mein Leben gerettet wurde..

Ein Danke auch all jenen, die entweder durch Spenden oder ihr unentgeltliches Mitwirken im NOMA-Verein Österreich dazu beitragen, dieses Projekt weiter am Leben zu erhalten.

Ihre Zaleha Victoria, im Jänner 2019






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